Priester und Opfer

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(Heb 9,26-28)

Ich weiss nicht, wie es Euch geht, wenn ihr Sätze hört wie diese: Christus hat uns durch seinen Tod am Kreuz erlöst von allen Sünden!
Er ist erschienen, um durch sein Opfer die Sünden zu tilgen. (9,26)
Er wurde geopfert, um die Sünden vieler hinwegzunehmen. (9,28)

Im Lauf der Zeit hat sich in diesem Zusammenhang eine bestimmte Redeweise entwickelt:
Dass Gott voller Zorn ist über den gefallenen Menschen; dass er Genugtuung verlangt, eben Opfer. So hat sich ein Gottesbild in den Herzen festgesetzt von einem Gott, der Blut sehen will. Eine verheerende Entwicklung.

Was ist gemeint, wenn es heisst: Christus ist der Priester und er ist das Opfer?

Wir finden den Zugang zu dieser Wirklichkeit nur, wenn wir die Schöpfung begreifen als Ausdruck Gottes, als Manifestation seines dreieinigen Lebens.
Der ganze Kosmos, wir Menschen auf diesem Stäubchen Erde inmitten des Universums, unsere persönliche Lebensgeschichte, die Geschichte der Menschheit, ist „Werk Gottes“. Und wie jedes schöpferische Werk etwas zum Ausdruck bringt, was der Künstler nur auf diese Weise sagen kann, so ist das Werk Gottes voll von göttlichem Sinn.

Der höchste Sinn dieses Werkes ist der Mensch: das Geschöpf, das fähig sein soll, mit seinem Schöpfer in einer innigen Beziehung vonIch und Du zu leben. Der eine Gott wollte seine ganze Fülle zum Ausdruck bringen durch die Vielheit der Menschen und ihrer Beziehungen. Wir wissen davon nur, weil Gott selber uns, der Menschheit, das „offenbart“ hat.
Bevor Gott alles ins Werk setzte, war in ihm alles schon da. Er hat alle Möglichkeiten „geschaut“, auch den Verrat des Geschöpfes, seine Abkehr von ihm. Er hat auch vorgesehen, wie er dieses Geschöpf wieder ins Leben heimholt.

Dann hat Gott alles verwirklicht. Er hat im Volk Israel die geschichtlichen Voraussetzungen geschaffen, um Mensch zu werden wie vor aller Zeit, jenseits von Raum und Zeit, im Himmel, geplant und vorgebildet.

Er kam auf unsere Augenhöhe und hat versucht, durch sein Wort und durch seine Wirkmacht in uns die abgestorbene Gottfähigkeit zur Auferstehung zu bringen; uns neu sein Leben zu übereignen.

Dann zeigte sich der Widerstand, die Realität des Widergöttlichen, des Bösen. Durch Christus wurde sichtbar, was im Buch Genesis dazu steht: Die Lebensmacht, die Gott dem Menschen geschenkt hat, wurde durch die Abkehr von Gott pervertiert zur Herrschmacht.

Die religiösen Führer Israels haben auf diese Weise das Gesetz, die religiöse Tradition, die Verheissungen Gottes, was Gott ihnen anvertraute, usurpiert, sich unrechtmässig angeeignet, anstatt schöpferisch liebend dafür zu sorgen,d ass die Menschen Vertrauen in Gott gewinnnen.

Christus entlarvt dieser pervertierte Macht. Er offenbart durch seine eigene Person eine neue Lebenswirklichkeit: Leben als Liebe, als Hingabe. Er gibt den Menschen Raum, die Möglichkeit, ganz sie selber zu sein. Er sucht die liebende Begegnung von Ich und Du. Er heilt sie vom Machtmissbrauch der religiösen Instanzen.

Der Widerstand gegen Gott bündelt sich im Toderurteil der religiösen und politischen Elite: die Liebe stört die Ordnung, sie soll weggeschafft werden, gekreuzigt. Vernichtet. Christus ist bis zum Tod dabei geblieben, ein Liebender zu sein. Er sagt uns damit: Auch wenn Du mich umbringst, meine Liebe zu Dir kannst Du nicht zerstören! Auf diesem Weg wollte er uns heilen von unserem vergifteten Gottesbild. ER nimmt dafür den Tod in Kauf. Ganz bewusst. In Freiheit. In Liebe. Das ist das Opfer. Das ist Priestertum.

Es geschieht aber noch etwas Tieferes: Christus war als Gott-Mensch in der Lage, zu ermessen und zu verkosten, was Menschsein ohne Gott, im Hass auf Gott bedeutet: Existieren ohne Gott, ohne Sinn, ohne Liebe, ohne schöpferische Lebendigkeit ist die Hölle. Es ist Gefangenschaft im eigenen Ich, Sinnlosigkeit, Qual. Christus hat am Kreuz dieses Grauen erlitten, die totale geschöpfliche Gottverlassenheit, den geistigen Tod. Bewusst. Willentlich. In Freiheit. Das war das eigentliche Opfer. Und sozusagen in der Hölle hat er sich hinübergeworfen in Gott, den er gar nicht erfahren hat. Er hat die Verbindung zu Gott wieder hergestellt in einem reinen Akt des Wollens. Das ist die eigentliche Erlösung der Menschheit. Es gibt einen Weg zurück aus der Hölle durch einen Akt des Willens.

Das alles hätte keine Bedeutung für uns, wenn es einfach ein Geschehen vor zweitausend Jahren gewesen wäre. Es war aber mehr, es war viel mehr. Christus hat damit die geistige Grundlage der Schöpfung neu geschaffen.

Was er einmalig geschichtlich vollzogen hat, ist nun eingeschrieben in die geistige Energie der Schöpfung, ist neue geistige Wirklichkeit, ist Lebensmacht, die uns real zur Disposition steht, die uns zuströmt, wenn wir empfänglich sind dafür: durch sein Wort, durch die Sakramente, durch Hören, Inspiration und Erleuchtung. Seine Geisteshaltung, seine Hingabe, seine Kraft liegen sozusagen „in der Luft“, sind nun die Mittel, selber den Weg zu gehen, der aus der Gottersferne in die Beziehung mit Gott führt.

Damit das für uns möglich ist, hat Gott alles in Kauf genommen, jeden Preis bezahlt. Das ist gemeint, wenn es heisst: Der Vater hat seinen Sohn geopfert.

Gott ist keine strafende, rächende Instanz ist, kein Erhabener und Allmächtiger: Gottes Grösse besteht darin, dass er sich verletzlich macht uns gegenüber. Gott leidet, wenn wir nicht ergreifen, was er uns schenken will: Gottesqualität, Herrlichkeit, Leben in Fülle.

Nur durch Gott können wir werden, was wir sein können.

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Sr. Luitraud Günther
29. November 2018 15:20

Liebe Pia,
Deine tiefen Gedanken, Auslegungen, Erkenntnisse tun meiner Seele gut.
Es bereichert mein Verständnis zum Kreuzestod Jesu und wie sich das mit dem Opfer verhält.
Wenn ich diese Gedanken lese und betrachte, wird mein Herz ganz weit und – dankbar.
Herzlichen Dank Dir.

Antworten
Prof. Dr. Rolf F. Schell
17. Februar 2019 22:29

Liebe Pia,
in Deinen Worten erfahre ich Verständnis über das Geschehen und Trost über Sein entsetzliches Leiden!
Das kann nur in höchster Liebe und Bedingungslosigkeit in dieser Liebe erfahrbar sein.
In tiefster Liebe!
Danke Dir von Herzen!

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