Das Wasser und die Taube

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Zur Symbolik der Taufe Jesu im Jordan

(Lk 3,15-16.21-22)

Bei der Taufe Jesu im Jordan erscheint eine Taube. Alle vier Evangelien berichten davon. Alle verbinden so selbstverständlich den Geist mit der Taube, dass man annehmen muss, diese Bedeutung sei allen bekannt gewesen.

Nun ist die Taube in den meisten Kulturen des Mittelmeerraumes das Symbol der Göttin, sie steht für Schönheit, Liebe und fruchtbare Mütterlichkeit, als mütterliche Taube über dem Ei, aus dem das Leben der Welt hervorgeht. Es gibt Historiker, die davon ausgehen, dass es bereits 4000 Jahre vor Christus verschiedene Zentren mit einem Ur-Mutter-Kult gab, einen davon in der Nähe von Ninive in Mesopotamien, also dem Herkunftsland Abrahams. Dort wurde die Göttin Ischtar verehrt, ihr Symbol war eine Taube.

In den alten Kulturen herrschte ein tiefes und intuitives Verständnis für die Harmonie des Kosmos. Leben und Fruchtbarkeit gab es nur, wenn die Gegensätze miteinander verbunden waren: Himmel und Erde, Mann und Frau als Repräsentanten des männlichen und weiblichen Lebensprinzips. So gab es in Babylon am Neujahrsfest ein kultisches Ritual, dass der König in Gestalt des Gottes der Fruchtbarkeit mit einer Priesterin, die die Göttin Ischtar verkörperte, die heilige Hochzeit vollzog, um Vegetation und Fruchtbarkeit zu erneuern. Der König von Babel übernahm das Symbol der Taube für seinen Thron, als Ausdruck seines Bundes mit der Göttin und zu seinem Schutz. Damit bekannte er sich zur Göttin als ihr Sohn und als ihr Geliebter.

Die Vorstellung von einer Mütterlichkeit des Lebens ist auch in der Heiligen Schrift gegeben. So „brütet“ der Geist über dem Ungewordenen im Buch Genesis. Das deutsche Wort „Geist“ heisst im Hebräischen ruach, es ist weiblich und bedeutet „Atem“, Hauch. ruach ist hervorbringendes Leben, eine wärmende gestaltgebende Wirklichkeit.

Wir sind gewohnt, zu sagen, die ruach sei der schöpferische Geist Gottes. Doch es gibt auch einen „schöpferischen Geist“, der zur Schöpfung gehört, eine geistige Lebenskraft, die nicht Gott selber ist, die aber vollkommen Gott entspricht und ihn damit „spiegelt“.

Diese Geistkraft ist in allen Dimensionen der Schöpfung als eine Art Lebensprinzip wirksam, als eine mütterliche Hervorbringungskraft des Lebens. Sie lässt sich im Menschen in ihrer höchsten Möglichkeit erkennen.

Maria Montessori bezeichnet sie als „weise Mütterlichkeit“, die uns innerlich aufbaut zur Person; Hans-Urs von Balthasar, ein grosser Theologe des letzten Jahrhunderts, spricht vom „marianischen Prinzip“ und Teilhard de Chardin vom Ewig-Weiblichen:

Die Schöpfung ist Gott gegenüber weiblich. Sie lebt von Gott her und auf Gott hin. Sie wird das, was sie empfängt. Dieses Ewig-Weibliche als Geistigkeit der Schöpfung ist nicht identisch mit dem Geist Gottes, sondern sein Gegenüber. Nur so können wir Menschen mit Gott in einer Ich-Du Beziehung leben.

Dieses Lebensprinzip des Weiblichen, der „Gott-Entsprechung“ zeigt sich im Lauf der Geschichte immer mehr als eine „Manifestation“ jener Ur-Gestalt, die im Buch der Weisheit und im Buch der Sprüche als „Weisheit-Sophia“ erscheint. Sie ist von Gott erschaffen, aber vor aller Zeit. Sie war dabei „im Anfang“, als Gott seine Werke schuf. Sie hat göttliche Autorität, weil sie ganz und gar Gott entspricht. Sie ist sozusagen das weibliche Gegenüber des „ewigen Sohnes“.
Bringen wir diese Gedanken in Zusammenhang mit der Taufe Jesu, können wir tiefe Einsichten bekommen:

Wenn Christus hinabsteigt in die Fluten des Jordan, identifiziert er sich mit seinem schuldbeladenen Volk Israel, das Gott selber als sein geliebtes Weib bezeichnet. Er macht sich eins mit ihm.

Doch er macht sich auch eins mit der ganzen Schöpfung: Wasser ist real und symbolisch der Mutterschoss allen Lebens. Durch den Sündenfall ist dieses Potential des Lebens vergiftet. Durch das Hineinsteigen in die Fluten wird das Wasser wieder heil, die „Urflut“, das „Ungewordene“, das Potential der Schöpfung wird wieder zum Mutterschoss des Lebens – wie im Anfang. Die Taube ist Symbol dieses mütterlichen Urschosses, Symbol der Schöpfung in ihrer schöpferischen Hervorbringungskraft als Gegenüber Gottes. Sie ist Symbol der himmlischen Sophia, die dabei war als Gott alle Werke schuf, sie ist Symbol Marias, die den Gott-Menschen zur Welt brachte, sie ist Symbol der Kirche, die die Söhne und Töchter hervorbringt.

Durch Christus wird die Menschheit-Braut wieder schön, wie es im Epheserbrief heisst. Ihre marianische Qualität kommt wieder zum Blühen.

Christus selber wird erfüllt von der Kraft des dreieinigen Lebens Gottes, die in ihn einströmt durch das Wort, das der unsichtbare Gott vom Himmel her spricht: Dieser ist mein geliebter Sohn, an ihm habe ich Gefallen!

Der sprechende Gott, das Wort und der Atem sind immer eine Einheit. Nie gibt es ein Wort ohne Sprechenden und ohne Atem, ohne Lebenshauch. So erfüllt der göttliche Geist Christus durch das Wort.

Auf diesem Hintergrund lässt sich erkennen, dass die Taube und das Wort zwei verschiedene Wirklichkeiten des Himmels offenbaren: Die Wirklichkeit der Liebe Gottes und die Wirklichkeit der liebenden Schöpfung. In der Taufe

Jesu kommen diese beiden Wirklichkeiten geschichtlich in ein neues Verhältnis und zu einer neuen Wirksamkeit.

Johannes hat diese Dimension der Taufe Jesu erkannt und den Anfang von etwas Neuem gesehen: Er bezeichnet Christus als Bräutigam und sieht das Volk Israel als Braut und nennt das Neue den Anfang einer Hochzeit. Es geht um die Liebe zwischen Gott und uns – und es wäre gut für uns, wenn wir als Christen diesen hochzeitlichen Aspekt des Lebens wieder ins Zentrum unseres Glauben stellen würden.

Bilder:
Tauben als Symboltiere und Botinnen der Liebesgöttin, die sich entschleiert, signalisieren Liebe und Empfängnisbereitschaft; Altsyrisches Rollsiegel (um 1750 v. Chr.; BIBEL+ORIENT Datenbank Online)
Taufe Jesu, Bonner Münster, © Stadtdekanat Bonn

Literatur:
Emil Schmid, Symbol der Taube – das ewig Weibliche, Visp 1975
Thomas Schipflinger, Sophia-Maria. Eine ganzheitliche Vision der Schöpfung, München-Zürich 2013

 

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Pia Maria Hirsiger
18. Januar 2019 17:31

Einige Rückmeldungen haben gezeigt, dass in meiner Betrachtung über die Taufe Jesu nicht ganz eindeutig scheint, was die symbolische Bedeutung der Taube ist. Hier eine kleine Präzisierung, damit keine Verwirrung entsteht: Der Heilige Geist ist vom Himmel gekommen und hat sich auf Christus gesenkt. Die Stimme aus den Himmeln (Mt) sagte: Dieser ist mein geliebter Sohn. Das alles ist mit meinen Überlegungen nicht in Frage gestellt. Es gibt aber eine Tradition, vor allem auch in der Ostkirche, die noch andere Aspekte in diesem Ereignis sieht. Es war mir aber nicht möglich, die Bedeutung der Taube als Symbol des Weiblichen und im Zusammenhang mit der Taufe Jesu im Rahmen dieser kurzen Betrachtung angemessen rüberzubringen. Ich werde diesen Zusammenhang in einer grösseren Arbeit behandeln und dann hoffentlich auch einsichtig machen können.

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